Einsatz in Bahia – das Dentomobil ist zurück!

November 2025. Nach Jahren der pandemiebedingten Pause durfte das Dentomobil endlich wieder rollen! Dr. Gerd Pfeffer hat die Pausenzeit damit verbracht, die mobile Praxis liebevoll zu sanieren: Inventur gepflegt, Rost befreit, neuer (zweiter) Kompressor eingebaut und alles, was halt so anfällt, wenn ein Fahrzeug erstmal eine Weile herumsteht.

## Unser Weg von der Idee zur Umsetzung
Unser Team bestand aus drei deutschen Zahnärzten: Dr. Leonie Lin, Dr. Alicia Sitte und Philipp König.
Alicia und Leonie kennen sich aus dem Zahnmedizin-Studium in München, Philipp ist ein guter Freund aus einem früheren zahnmedizinischen Einsatz in Ghana. Anfang November machten wir uns auf den Weg nach Brasilien. Unsere Motivation aus dem deutschen Arbeitsalltag heraus war klar: Wir wollten dort behandeln, wo zahnmedizinische Versorgung wirklich gebraucht wird und gleichzeitig selbst unseren Horizont über die etablierte deutsche Praxis hinweg erweitern. Ohne Profitorientierung, ohne die übermäßige Bürokratisierung, die den deutschen Praxisalltag oft bestimmt.
Die Organisation vorab lief unkompliziert: Wir einigten uns auf die Daten, buchten Flüge und alle weiteren Details klärten wir direkt mit Gerd via WhatsApp.
Verstärkt wurden wir vor Ort von Tatiane, einer brasilianischen Sterifachfrau und selbst angelernten Dentomobil-ZFA, die mit ihrer Erfahrung und Herzlichkeit unser Team komplettierte.

## Barra de Sarinhaém – Unterbrechung als Pause im Paradies
Die dritte Novemberwoche war eigentlich als Einsatzwoche geplant. Doch der Dia da Consciência Negra, der Black Consciousness Day am 20. November, ist in Bahia ein bedeutender Feiertag – besonders in dieser Region mit dem höchsten Anteil afrobrasilianischer Bevölkerung im ganzen Land. Ausgerechnet dieses Jahr wurde Jatimane als Vorzeige-Ort erkoren, wodurch der Dorfplatz für große Festivitäten gebraucht wurde und das Dentomobil also ein paar Tage weichen musste. Also warteten wir. Und wo? Im wunderschönen Barra de Sarinhaém, einem kleinen Fischerdorf, das nur bei Ebbe über den Strand zu erreichen ist. Was anfangs wie eine Verzögerung wirkte, entpuppte sich als Geschenk: Zeit, anzukommen, als Team zusammenzuwachsen und Land und Leute authentisch in Ruhe kennenzulernen.
Zudem gab es hier einen kleinen politisch bedingten Twist: Mit den lokalen Communities war vereinbart, dass wir auch hier bereits behandeln sollten, da die Menschen dringend von zahnärztlichen Dienstleistungen profitieren würden. Gerd war seit knapp 30 Jahren ca. alle 6 Jahre dort im Ort, doch nun hat sich in den 30 Jahren gesundheitspolitisch einiges getan: Inzwischen gibt es eine lokale Zahnärztin, die dort zwei (vielleicht halbe) Tage die dringendsten Sachen behandelt. Doch der Raum, in dem sie behandelt, ist spärlich ausgestattet, sodass auch sie sich über die Gratis-Unterstützung durchs Dentomobil freut. Nun wollten aber die lokalen Verantwortlichen sich den Einsatz selbst 

auf die Kappe schreiben, im Zuge einer politischen Kampagne. Um klaren Abstand zu den Machtkämpfen zu gewinnen, musste der Einsatz dort also leider verfrüht abgebrochen werden, und wir würden stattdessen in ein paar Orten weiter behandeln (wo der Einsatz ebenso bereits im Voraus sensibel geplant wurde, inkl. Abschätzung des Bedarfs anhand der demografischen Strukturen und Erkenntnissen der früheren Einsätze). Geändert für uns hat sich also „nur”, dass in Barra de Sarinhaém leider weniger behandelt wurde als geplant und stattdessen in Jatimane erst nach dem Trubel um den Feiertag weitergemacht wurde.

## Jatimane – Wo Palmen zu Besen werden
Jatimane selbst liegt etwas abseits der ausgetretenen Pfade Bahias. Bis vor wenigen Jahren war der Ort nur über holprige Feldwege erreichbar. Inzwischen führt eine asphaltierte Straße hierher – gebaut unter anderem, weil ein paar Kilometer weiter inzwischen ein großes Musikfestival zehntausende Menschen an die paradiesischen Strände lockt. Die Bewohner selbst leben ruhig und bescheiden. Viele arbeiten in der lokalen Korb- und Besenproduktion, für die sie Fasern spezieller lokaler Palmen nutzen.
Wir wohnten in einem herzlichen Gästehaus im Ort. Jeden Morgen wurden wir während des Einsatzes mit einem reichhaltigen Frühstück begrüßt, mittags zum gemeinsamen Essen eingeladen (bei verschiedenen Familien in fußläufiger Umgebung) und nach der Arbeit bis in den Abend hinein weiter bestens versorgt. Die Gastfreundschaft war überwältigend und am Ende des Tages fielen wir meist völlig erschöpft, aber glücklich ins Bett.

## Das Dentomobil – Hightech auf vier Rädern
Was die AZB aus dem Dentomobil gemacht hat, ist beeindruckend. Zwei komplette Behandlungseinheiten, ein dritter Stuhl zum Vorbereiten, ein Autoklav, mobiles Zahnfilm-Röntgen, Endo-Motor, eine komplette Prothetik-Box für Interimsversorgungen und Materialien für verschiedenste Behandlungsstile der behandelnden Ärzte. Im Vergleich zu einer deutschen Praxis fehlt eigentlich nur das große OPG. Selbst die „natürliche Klimaanlage” durch das thermo-isolierte Doppeldach funktioniert erstaunlich gut in der brasilianischen Hitze.
Die Elektrik wurde so angepasst, dass sie mit den schwankenden Spannungsverhältnissen in Brasilien – irgendwo zwischen 110 und 220 Volt – zurechtkommt.
Natürlich gab es auch Herausforderungen: Der Autoklav streikte, verursachte einen Kurzschluss und setzte kurzzeitig sogar das Auto unter Strom. Doch mit dem Reserve-Sterilisator konnten wir weiterarbeiten, während der modernere zur Reparatur nach Salvador gebracht wurde. Solche Momente gehören dazu und sie zeigen, wie wichtig die ausgeklügelt durchdachte Ausstattung und Flexibilität vor Ort sind.

## 70 Patienten, unzählige Geschichten
In den effektiven Behandlungstagen der dritten Woche versorgten wir rund 70 Patienten. Die meisten kamen nur einmal – und dann musste alles auf einmal gemacht werden. Unser Ziel: ein Gesamtkonzept, mit dem sie die nächsten Jahre bestenfalls keine Probleme haben würden – denn wer weiß, wann sie den nächsten Zahnarzt sehen.

Parodontal-Behandlung – konservierende und Chirurgie – oft erfolgte alles in einer Sitzung. Ohne Heil- und Kostenpläne, wie wir sie aus dem deutschen Kassensystem kennen, arbeiteten wir erstaunlich effizient und lösungsorientiert.
Was uns auffiel (epidemiologisch keine Überraschung): Die ältere Bevölkerung hatte einen relativ niedrigen Kariesindex, dafür aber eine enorm hohe Parodontitisrate. Bei Kindern und Jugendlichen nahm die Karies hingegen zu – vermutlich ernährungsbedingt. Dabei ist das allgemeine Hygieneverhalten beeindruckend ausgeprägt. Was fehlt, ist oft schlicht das Wissen: Wie putze ich richtig? Warum ist Zahnseide wichtig? Die Menschen hier nehmen ihre Zahngesundheit sehr ernst und sehen sie als individuelle Verantwortung – ganz anders als die deutsche Haltung „das System ist für meine Gesundheit verantwortlich”, die uns oft begegnet.
Viele Patienten wollten nach eigener Präferenz trotzdem pragmatisch ihre Zähne lieber ziehen lassen, als aufwendige endodontische oder konservierende Behandlungen über sich ergehen zu lassen. Zahnlosigkeit schien viele nicht zu stören. Insgesamt waren die Menschen erstaunlich schmerzbefreit – im wörtlichen wie im übertragenen Sinne.
Die Kommunikation verlief erstaunlich komplikationslos, obwohl wir nur mit Spanisch und Englisch dienen konnten. Mit einem Zettel und den wichtigsten Übersetzungen, Tatiani als Super-Vermittler, und den Downloadversionen von modernen Übersetzungs-Apps wurde alles verstanden. (Verlässliches Netz gab’s da leider nicht, weil der Dorfplatz wohl zu gut durch umliegende Hügel abgeschirmt ist.)

## Was wir mitnehmen
Dieser Einsatz hat uns menschlich fantastische Dankbarkeit in beide Richtungen beschert – wir sind dankbar für das Vertrauen, das uns entgegengebracht wurde, und die Bewohner und Patienten dankbar, für unsere Zeit und handwerkliche Mühe. Näher kann man mit einem sonst nicht touristischen Ort kaum in Austausch kommen, und

 gerade deshalb war er so wertvoll. Inhaltlich hat er bestätigt und vertieft, was wir schon ahnten:
**Niedrige Kariesinzidenz bei älteren Generationen, steigende Prävalenz bei Kindern** → Lebensstil, vor allem Ernährung und Routinen, können mehr bewirken als jede Hightech-Therapie.
**Hohe Parodontitisprävalenz trotz sehr bewusstem Hygieneverhalten** → Es mangelt nicht an Motivation oder Disziplin, sondern an Wissen darüber, wie man es noch besser macht – und warum.
**Große soziale Schere** → Ein teils korruptes System verzögert unnötig den Zugang zu eigentlich suffizienter lokaler Versorgung.
**Arbeiten ohne deutsche Bürokratie** → Auch in hochregulierten Systemen müssen wir bewusst Räume schaffen, in denen Patientenzentrierung wieder im Mittelpunkt steht.

## Dank und Ausblick
Danke an das Team vor Ort, an Tatiane für ihre Kompetenz und Herzlichkeit, und an die Patienten für ihr Vertrauen.
Und natürlich: Danke an Dr. Gerd Pfeffer, der das Dentomobil mit enorm viel Hingabe einsatzbereit hält, und nach vorne hin weiter Großartiges plant und pusht.
Über Stadtgrenzen und Landesgrenzen hinweg sind Freundschaften entstanden. Wir kommen gerne wieder – das steht fest. Denn genau hier, in Gegenden, wo noch nicht eine Zahnarztpraxis neben der anderen aus wirtschaftlichen Gründen hervorsprießt, unter Palmen und mit Menschen, die zahnmedizinische Hilfe wirklich brauchen, macht Zahnmedizin so richtig Sinn und Spaß.